VW hilft Lübecks Uni: 1,4 Millionen für Lehrstuhl

Premiere in Lübeck:

Dr. Christine Klein (35) in ihrem Labor. Fünf Wissenschaftler haben eine Lichtenberg- Professur bekommen, die Neurogenetikerin gehört dazu.

Premiere in Lübeck: Eine von fünf Lichtenberg-Professuren geht an die Universität. Diesen Lehrstuhl hat die VW Stiftung erstmals eingerichtet.

Wenn die attraktive, blonde Frau von ihrer Bewerbung um die LichtenbergProfessur erzählt, klingt es ein wenig nach Filmszene. Nur wenige Wochen vor Annahmeschluss hat Privatdozentin Dr. Christine Klein (35) sich entschlossen, ins Rennen um einen der hoch dotierten Lehrstühle zu gehen. „Eigentlich wollte ich mir noch ein Jahr Zeit lassen“, sagt die Neurogenetikerin vom Uniklinikum Lübeck. Aber ihr Chef Professor Eberhard Schwinger meinte: Mach’s jetzt. Und Klein hat auf den Dekan der Medizinischen Fakultät gehört. Also setzte sie sich hin, schrieb zwischen Vorträgen und Versuchsreihen die Bewerbungsmappe – am letzten Tag wurde es richtig eng. Bis 18 Uhr am Stichtag war es einfach nicht zu schaffen.

Also machte Klein einen Briefkasten an der Lübecker Hauptpost ausfindig, der erst um 20 Uhr geleert wurde. Ausdrucken, einbinden, in den Umschlag packen – auf zu dem gelben Ding. 19.57 Uhr hat die Forscherin die Bewerbungsmappe an die VW-Stiftung dann eingesteckt. Und die war ziemlich begeistert von der Arbeit. Denn Klein hat sich ein besonderes Forschungsfeld ausgesucht: Sie nimmt Bewegungsstörungen wie Parkinson unter die Lupe, untersucht die Schnittstelle zwischen der nervlichen und genetischen Störung. „Warum bricht bei dem einen Patienten diese Krankheit aus und bei dem anderen nicht?“ ist eine der Kernfragen mit denen sich Klein und ihr Team aus elf Wissenschaftlern beschäftigen. Und die VW-Stiftung fand Klein und ihre Arbeit so gut, dass sie ihr für fünf Jahre 1,4 Millionen Euro samt Lichtenberg-Professur zusprachen. Damit gehört Klein zu einem auserlesenen Kreis von fünf neuen Lehrstuhl-Besitzern an Deutschlands Universitäten. Zum ersten Mal vergibt VW diese Professur. Der Konzern will damit sowohl „Personen als auch Institutionen“ fördern, wie Dr. Anja Fließ (47), Referentin für die Lichtenberg-Professur, erläutert. „Wir wollen damit neue Denkstrukturen an den Hochschulen etablieren: Eine Vergabe von Professuren nach Leistung.“ Mit der VW-Förderung ist eine dauerhafte Forschung für den Wissenschaftler gesichert. Zunächst werden er und seine Arbeit fünf Jahre gänzlich bezahlt, danach zieht sich die Stiftung des Automobilherstellers finanziell immer mehr zurück – nach weiteren drei Jahren übernimmt die Hochschule die Kosten für die Professorenstelle.

Eine Form der Unterstützung, über die Klein recht glücklich ist: „Sie gibt viel Freiheit zum Forschen.“ Denn nun haben sie und ihr Team ein finanzielles Polster, so dass sie auch mal ein Projekt starten können,welches auf den ersten Blick vielleicht nicht so Erfolg versprechend ist, aber möglicherweise neue Wege in der Wissenschaft eröffnet. Außerdem kann Klein ihre Forschergruppe um drei Leute erweitern.

Sich und ihr Team finanziert die engagierte Wissenschaftlerin ausschließlich aus Drittmitteln. Kostenpunkt pro Jahr: eine halbe Million Euro. „Ein Hauptteil meiner Arbeit besteht aus dem Einwerben der Gelder.“ Zudem publiziert Klein die Forscherergebnisse, hält Vorträge auf internationalen Kongressen. „Im Durchschnitt bin ich zwei Mal im Monat unterwegs“, sagt die Mutter von zwei Kindern. Karriere und Kinder bekommt die erfolgreiche Frau nur mit Unterstützung ihrer Familie unter einen Hut. „Es ist eine Mischung aus viel Hilfe, Familienbetrieb und gutem Kindergarten“, sagt sie. Zudem: Ihr Chef lässt ihr auch die Freiheit, flexibel zu arbeiten, sie kann auch über die Mittagszeit mal zwei Stunden zu Hause sein. Klar: alles nur, wenn die Leistung stimmt. Und da kann Kleins Chef sich nicht beklagen.

Zum ersten Mal hat die Volkswagen-Stiftung die Lichtenberg-Professuren bewilligt. Die Stiftung des Wolfsburger Automobilherstellers fördert fünf Wissenschaftler mit insgesamt 6,2 Millionen Euro. Laufzeit zunächst fünf Jahre. Ursprünglich wollte VW zehn bis zwölf Forscher sponsern, doch von den 39 Bewerbern, wurden nur fünf als gut genug befunden. Die Wissenschaftler müssen zunächst eine Mappe einreichen, die von internationalen Gutachtern geprüft wird. In einer Endrunde halten die ausgewählten Forscher dann einen Vortrag vor Experten – erst dann werden sie angenommen. Die Lichtenberg-Professur entspricht der neu eingerichteten W 2-Professorenstelle, einem Lehrstuhl auf Lebenszeit. Sie ist benannt nach dem berühmten Physiker Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799). Mit dem neuen Programm will die VW-Stiftung vor allem Nachwuchswissenschaftler fördern, ihnen und ihren Hochschulen eine langfristige Perspektive bieten. Um den Lehrstuhl können sich jedes Jahr Forscher sowohl aus den Geisteswissenschaften, der Medizin als auch den Natur- und Ingenieurwissenschaften bewerben. Außerdem unterhält die VWStiftung mit einem Kapital von 2,1 Milliarden Euro Programme zur Forschungsförderung. Weitere Informationen dazu gibt es im Internet unter www.volkswagen-stiftung.de. jvz

aus / from: Lübecker Nachrichten,2004-06-25, Josephine von Zastrow, Foto: Lutz Roessler

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